Falk starb nach einer Nacht mit wahnsinnigen Schmerzen
In Hayenwärf sind sechs Hunde vergiftet worden - Andreas Freese klagt an
Hayenwärf . Andreas Freese aus Hayenwärf kann es immer noch nicht fassen: "Am Abend war er noch topfit, am nächsten Morgen tot." Der 23jährige Postbeamte spricht über seinen Hund Falk und über die schlimme Nacht vom 16. auf den 17. November, in der sein Schäferhund von einem Unbekannten vergiftet worden ist. 

Der junge Mann hat den Tod seines Hundes noch nicht überwunden, insbesondere auch deshalb, weil er sich vorstellen kann, welche wahnsinnige Schmerzen sein vierbeiniger Freund in dieser Nacht gehabt haben muß. Das Tier lebte noch, als Andreas Freese am Sonntag, 17. November, zum Zwinger ging, doch statt eines fröhlichen Hundes, der erwartungsfroh auf sein Herrchen wartete, sah er nur noch ein Häufchen Elend, das es gerade noch
schaffte, den Kopf zu heben. Andreas Freese machte das Tor zum Zwinger auf, der Hund quälte sich nach draußen und sackte zehn Meter weiter tot zusammen. "Ich glaube, Falk hat auf mich gewartet, um zu sterben," vermutet Andreas Freese.
Vor neun Jahren hatte Andreas Freese den Schäferhund zu seiner Konfirmation geschenkt bekommen. "Ich bin mit ihm groß geworden," sagt der junge Mann, der im April 1990 von Rodenkirchen nach Hayenwärf gezogen war, um seinem vierbeinigen Freund möglichst viel Freiraum geben zu können. Der Hund genoß das, er war kerngesund und kräftig, "aber nie ist er irgendjemandem gefährlich geworden," versichert Andreas Freese ausdrücklich. Der Hund jagte keinen Fahrradfahrern hinterher, war im Umgang mit kleinen Kindern lieb, "aber etwas paddelig, und hat nie jemanden angefallen".
"Wegen meines Hundes hat es nie Schwierigkeiten gegeben," berichtet Andreas Freese. Falk war kein Wachhund, wie ihn die Leute auf dem Lande meistens haben, sondern ein lieber und treuer Freund, der nicht einmal dann bellte, wenn sich ein Fremder auf dem Grundstück befand. War das sein Verhängnis?
Sonnabend, 16. November: Gegen 20 Uhr macht Andreas Freese mit seinem Hund einen letzten Spaziergang. Kurz vor 21 Uhr bekommt Falk sein letztes Fressen, das dieser wie immer bis auf den letzten Krümel auffrißt. Dann kommt die Nacht, in der sich irgendwann ein Unbekannter zum Zwinger geschlichen haben muß.
Sonntag, 17. November: Wie immer am Wochenende hat Andreas Freese, der wochentags stets zwischen 5 Uhr und 5.30 Uhr den ersten Spaziergang mit seinem Hund macht, um danach zur Arbeit nach Bremen zu fahren, länger geschlafen. An diesem Wochende, gegen 10 Uhr, führt ihn sein erster Weg - wie immer - zum Hundezwinger, um Falk zu sehen. Doch statt eines Hundes, der sich auf die Begrüßung freut und deshalb lustig mit seinem Schwanz wedelt, sieht er schon aus weiter Entfernung einen Hund im Zwinger liegen, der es kaum schafft, seinen Kopf zu heben.
Andreas Freese ahnt Böses, was sich sofort auch bestätigen sollte. "Heh, was ist?", ruft er, doch Falk rührt sich nicht. Als er dann das Tor zum Zwinger aufmacht, quält sich Falk mühsam heraus und bricht zehn Meter weiter zusammen. 
Andreas Freese versucht sofort, einen Tierarzt zu holen, doch dieser ist nicht zu erreichen. Deshalb fährt er mit seinem Hund zu einem anderen Tierarzt, der nur noch den Tod feststellen kann. Als Todesursache nennt der Tierarzt nach Angaben von Andreas Freese Vergiftung. Warum? Andreas Freese kann sich eine solche Tat nicht erklären. Womit? Auch das weiß Andreas Freese nicht, doch aufgrund seiner Beschreibung über die letzten Minuten des Todeskampfes seines vierbeinigen Freundes wird E 605 vermutet, ein Insekten-Bekämpfungsmittel, das früher meistens in der Landwirtschaft eingesetzt wurde, inzwischen aber verboten ist, weil dieses Mittel auch für den Menschen giftig ist.
Der Todeskampf von Falk wird auch irn Zwinger deutlich. Der Hund hatte Schaum gebrochen, der auf dem Boden zu sehen ist. Außerdem hatte er versucht, aus dem Zwinger, in dem er sich immer dann befand, wenn Andreas Freese sich nicht um ihn kümmern konnte, herauszukommen. Den nahenden Tod merkend, hatte der Hund alles daran gesetzt, das hölzerne Tor des Zwingers, der für ihn bisher ein sicheres Zuhause war, zu durchbeißen. Doch erfolglos.
Eine Obduktion des Schäferhundes hat Andreas Freese nicht vornehmen lassen. "Das hätte über tausend Mark gekostet und meinen Falk nicht mehr zum Leben gebracht," doch davon, daß sein Freund vergiftet worden ist, ist er fest überzeugt, und zwar nicht nur, weil das der Tierarzt vermutete, sondern weil allein schon in diesem Jahr vier Hunde in Hayenwärf auf ähnliche Art und Weise ums Leben kamen.
Im Februar wurden bei seinem Nachbarn zwei Jagdhunde und ein Rauhhaardackel vergiftet: nur der Dackel überlebte. "An dem Tag, als die Jagdhunde starben, hatte ich Falk mitgenommen zur Dienststelle, er mußte ständig brechen," berichtet Andreas Freese und fragt nachdenklich: "Hatte er damals das Glück, das auch der Dackel hatte?"
Ein Boxer, so berichtet er weiter, überlebte ebenfalls die erste Vergiftung, doch "nach dem zweiten Anschlag war auch dieses Tiei tot". Weiter weiß Andreas Freese, daß auf einem anderen Hof auf ähnliche Art und Weise ein Tier verendet ist und daß schon in den Jahren zuvor zwei andere Hunde durch Vergiftungen sterben mußten. Und er wundert sich: "Es ist seltsam, die Hunde starben alle in dem Bereich zwischen den beiden Ortsschildern von Hayenwärf."
Wer der Täter ist, weiß Andreas Freese natürlich nicht, doch er ist sich sicher, daß dieser in seinem Falle genau seinen Lebensstil gekannt haben muß: "Er wird gewußt haben, daß ich an Wochenenden länger schlafe," sagt er und weist zudem darauf hin, daß sein Hundezwinger von der Straße aus nicht zu sehen ist. Für ihn ist das ein weiteres Indiz, "daß der Täter einer ist, der sich in Hayenwärf gut auskennt".
Andreas Freese hat bei der Polizei eine Anzeige gegen Unbekannt gestellt. Er hat in Hayenwärf Handzettel an den Bäumen angebracht und den Hunde-Mörder aufgefordert, sein Tun einzustellen. Und er hat darum gebeten, daß sich eventuelle Zeugen melden, doch das war bisher umsonst.
Solange Andreas Freese in Hayenwärf wohnt, wird er sich keinen Hund mehr anschaffen: "Ich möchte nicht, daß das noch einmal passiert," sagt er, und merkt an: "Manchmal meine ich, Falk bellen zu hören, doch er ist tot." Und: "Wenn ich von der Arbeit komme, ist mein erster Weg immer noch zum Zwinger." Doch an diesem Wochenende wird der Zwinger abgeholt, Andreas Freese hat ihn verkauft.

Uwe Stratmann
Kreiszeitung Wesermarsch, 30. November 1991