Aus Karl van Guntsiet wurde der bekannte Karl an'n  Siel
Philipp Fürst feiert 70. Geburtstag - Jahrzehnte für Heimatzeitung geschrieben
Rodenkirchen. Er ist zwar mit einer gehörigen Portion "Kleischiet" getauft worden, weil Pastor Ramsauer seinen ersten großen Auftritt als Erdenbürger total vergessen hatte und erst von der Gartenarbeit weggeholt werden mußte, um mit noch etwas verschmutzen Händen seines Amtes walten zu können.

Am heutigen Freitag wird Philipp Fürst 70 Jahre. Vier Jahrzehnte ist er eng mit der Heimat Leben bestimmte: Geboren am Sürwürder Siel, aufgewachsen am Abser Siel, gelebt und gearbeitet am Dedesdorfer Siel, genießt er jetzt einen unruhigen Ruhestand in einem schmucken Holzhaus in der Nähe des Strohauser Siels. 
Wegen seines Lebens an den Sielen, war es  kein Wunder, daß er sich Karl an'n Siel nannte. 750 Briefe schrieb er unter diesem Namen an die "lewen Butjenter", die jeweils sonnabends in der Kreiszeitung Wesermarsch erschienen.
Philipp Fürst war Polizeibeamter. Auf Umwegen kam er in den Staatsdienst. Bevor er nämlich die Uniform anzog, fuhr er zur See, war im Krieg einige Jahre bei der U-Boot-Abwehr und hatte nach kurzer Gefangenschaft keine Arbeit mehr. Zufällig las er eine Anzeige der Polizei, die Leute suchte, bewarb sich und trat im Januar 1946 bei der Schutzpolizei Oldenburg an. Seine erste Dienststelle war Einswarden, danach wurde er nach Stollhamm versetzt, wo er auch seine Frau Lotte kennenlernte. 
In Stollhamm lernte Philipp Fürst den damaligen KZW-Redakteur Elimar Diers kennen. "Gelegentlich telefonierten wir miteinander," erinnert sich Philipp Fürst an die erste Zusammenarbeit mit der Heimatzeitung, 1949 wurde er nach Dedesdorf versetzt, das damals noch zum Landkreis Wesermarsch gehörte. Elimar Diers und Redakteur Wilhelm Buchsieb ermunterten ihn damals, für die Zeitung zu schreiben und das Neueste aus Landwürden zu berichten. Das tat er ab 1951. Erst schickte er Döntjes über die Weser und im Verlaufe der Jahre wurde die Zusammenarbeit mit der Kreiszeitung immer intensiver.
Gerne erinnert sich Philipp Fürst an die damaligen Besuche bei der Kreiszeitung in Nordenham, die er mit dem Fahrrad erledigte. "Ich mußte immer beim Verleger Elimar Böning erscheinen. Er schenkte mir dann eine Brasil-Zigarre, denn sein Herz hing sehr an Dedesdorf."
Zwischen 1956 und 1967 korrespondierte Philipp Fürst unregelmäßig an den Wochenenden als Karl van Guntsiet mit Jan van'n Diek, alias Elimar Diers. Mit seiner Beförderung zum Polizeihauptmeister und der damit verbundenen Versetzung nach Brake im Jahre 1968 begann er, die plattdeutschen "Briefe an die Butjenter zu schreiben. In 750 Veröffentlichungen die jeweils sonnabends erschienen, teilte er den Leserinnen und Lesern der Heimatzeitung mit, was neben der aktuellen Berichterstattung wichtig war. Darüber hinaus kümmerte er sich als freier Mitarbeiter in der Braker Redaktion auch um das Geschehen in der Gemeinde Ovelgönne. Selbst an den Wochenenden saß er in der Braker Redaktion vor der Schreibmaschine, um Artikel für die Montagausgabe anzufertigen.
Nach seiner Pensionierung im Jahre 1981 - Philipp Fürst war zuletzt als Kontaktbeamter tätig - trat er bei der Kreiszeitung etwas kürzer. Philipp Fürst berichtete aus Rodenkirchen und verlegte sich später auf heimatkundliche Beiträge. Zuletzt blieb der Stadlander Geburtstagskalender übrig.
Philipp Fürst schrieb nicht nur Schlagzeilen, er machte auch viele, so als er als junger Polizist in Dedesdorf anläßlich des Marktes dem Gemeindedirektor ein Schwein aus dem Stall klaute, um es anschließend meistbietend zu versteigern, woraus ja auf der anderen Weserseite inzwischen eine Tradition geworden ist, oder als engagierter Mitbürger, der sich stets für die Erhaltung historischer Zeitzeugen in Rodenkirchen einsetzte und sich auch für die Förderung des hiesigen kulturellen Lebens engagierte.
Sein Hobby ist auch die Heimatkunde. Philipp Fürst, der Mitglied des Rüstringer Heimatbundes ist und den Schrieverkring, das ist eine Gruppe von plattdeutschen Autorinnen und Autoren, leitet, verfügt über ein beachtliches Archiv.
Die Gärtnerei in seinem naturbelassenen Garten ist ihm ebenso lieb. Im Sommer verkauft Philipp Fürst "Bienenhonig aus eigener Bienenzucht", wie auf einem Schild in seinem Vorgarten zu lesen ist. Es soll sogar schon vorgekommen sein, daß er sich ein Schaf ausborgte, welches er am Apfelbaum festband, weil er einfach keine Zeit hatte, den Rasen zu mähen.
Oft verschwindet Philipp Fürst auch in der Versenkung, wird tagelang nicht in Rodenkirchen gesehen. Dann ist er nämlich mit Freunden in der Deutschen Bucht auf Fischfang. Sein Fotoapparat ist bei seinen vielen Unternehmungen meistens dabei, so daß immer wieder einmal eine Geschichte für die Kreiszeitung herausspringt.
Leidenschaftlich diskutiert Philipp Fürst über die große und kleine Politik, wobei er stets auf der Seite der Schwachen steht. Die, die nicht dazu zählen, mußten mitunter seinen Hohn ertragen, wie zum Beispiel ein Mann der während einer Veranstaltung, über die er schrieb, auf seinen Adelstitel sehr viel wert legte und damit auch angesprochen werden wollte. Philipp Fürst stellte sich ihm so vor: "Gestatten Sie, Fürst Philipp!"

Uwe Stratmann
Kreiszeitung Wesermarsch, 15. November 1991