Landwirte fordern "in die Landschaft passende Straßen"
Auch Kleinensieler überreichten Verkehrsminister 
eine Resolution
Rodenkirchen. "Der Verschandelung der Landschaft wird nicht tatenlos zugesehen" kündigten sie an und zeigten kein Verständnis für "600 Millionen für einen regionalen Wesertunnel", denn das Projekt bedeute "Schneller durch die Weser - tiefer in die Verschuldung". Deshalb: "Wir fordern Weserfähren zum Nulltarif". 

Bundesverkehrsminister Günter Krause (CDU) wurde während seiner Stipvisite in Rodenkirchen von etwa 35 Landwirten und Kleinensieler Bürgern empfangen, die auf vier Transparenten ihren Unmut über die Planung des Wesertunnels und seiner Anschlußstrecken bekundeten, was sie ihm kurz nach seinem Eintreffen auch deutlich sagten.
Knapp zwei Stunden hatten die Landwirte und Kleinensieler auf dem Rodenkircher Marktplatz ausharren müssen, weil der Verkehrsminister sich sehr verspätete. Das CDU-Empfangskomitee mit der Bundestagsabgeordneten Eva-Maria Kors und dem Kreisvorsitzenden Joachim Wiesensee an der Spitze zeigten sich anfangs schüchtern, sie standen weit weg von der kleinen Gruppe, die Resolutionen für den Verkehrsminister angefertigt hatten. Erst später gab es gemeinsame Diskussionen, in der dem einen oder anderen Christdemokraten deutlich gesagt wurde, was die Landwirte und die Kleinensieler von den Planungen halten.
"Ich möchte noch mit den Leuten sprechen", waren die erste Worte des Verkehrsministers, als er auf dem Bahnhofsvorplatz aus dem Auto gestiegen und von Eva-Maria Kors begrüßt worden war.
Der Sprecher der Landwirte, Dierk Dettmers, hob hervor, durch die enorme Eigendynamik und die damit verbundene Aufblähung, die der Straßenbau entwickelt habe, bekomme Rodenkirchen einen Landschaftscharakter, den kein Bürger wolle. Insbesondere die Landwirte seien davon arg betroffen, aber auch viele Bürger hätten schon gesagt, sie möchten bei einer solchen Planung nicht mehr in Rodenkirchen wohnen. "Wir haben ein Recht auf Heimat, wir möchten die Landschaft gerne erhalten, die wir allerdings auch weiter entwickeln wollen. Deshalb brauchen wir vernünftige und in die Landschaft passende Ortsumgehungen", sagte Dierk Dettmers und forderte den Minister auf, die Planungen zurückzuschrauben.
Dieser entgegnete, die völlige Veränderung der politischen Situation werde dazu führen, daß man sich Gedanken machen müsse, wie man im Norden Europas bis hin nach Polen und in die baltischen Republiken
Brücken zu schlagen zwischen West und Ost. Auf den Zwischenruf von Dierk Dettmers, daß jede überregionale Verkehrsplanung auch Rücksicht auf die Bewohner einer Landschaft nehmen müsse, sagte der Minister, nicht alle Fragen seien geklärt und auch nicht alle Wünsche könnten berücksichtigt werden, aber insgesamt habe man in Kleinensiel ein Ergebnis erreicht, welches das Land Niedersachsen akzeptiere. Fähren seien angenehm und landschaftlich idyllisch, doch man müsse auch daran denken, "daß junge Leute in dieser Region bleiben und nicht in andere Gebiete Deutschlands gehen". Zudem müßten Voraussetzungen geschaffen werden, den Strukturwandel in der Landwirtschaft wirtschaftlich zu flankieren. Die Region von Rügen bis hin zur Weser, die gesamte norddeutsche Region, müsse planerisch völlig neu durchdacht werden.
Ein vierspuriger Wesertunnel, so Günter Krause weiter, werde mit Sicherheit nicht nur eine regionale Bedeutung im neuen Bun-desverkehrswegeplan haben. Wer eine Region wirtschaftlich fördern möchte, müsse vorher die Verkehrsinfrastruktur in Ordnung bringen, weil es sonst keine Investitionen gebe.
Unter den Bedingungen des nicht geeinten Deutschlands habe die Küstenautobahn sicherlich eine wesentlich geringere Bedeutung gehabt. "Ich weiß nicht, wie wir die Verkehrsströme, die sich bis zum Jahr 2000 entwickeln werden, ohne eine solche Autobahn abwickeln wollen", sagte Günter Krause weiter und kündigte an, daß sich die norddeutschen Länder einschließlich Mecklenburg-Vorpommern im Oktober zusammensetzen werden, um eine Lösung für die West-Ost-Verbindungen zu erarbeiten: "Solche Verbindungen, die heute noch scheinbar regionalen Charakter haben, werden danach schon deutlicher einen überregionalen Charakter haben", sagte der Verkehrsminister voraus, der von Josef Volk auch eine Resolution der "Interessengemeinschaft Kleinensieler Bürger gegen den Bau eines Wesertunnels" überreicht bekam. ums

Kreiszeitung Wesermarsch, 19. August 1991