| Kleinensiel.
In 50 Jahren könnte 50 Prozent des Energieverbrauchs auf der Welt
aus erneuerbaren Energien stammen. Diese Vision sprach Professor Dr. Fritz
Vahrenholt, Mitglied des Aufsichtsrates der Deutschen Shell AG und Vorsitzender
der Arbeitsgemeinschaft für Umweltfragen und des Forums für Zukunftsenergien,
während des Neujahrsempfang des Kernkraftwerkes Unterweser aus.
Die
ständig wachsende Weltbevölkerung ausreichend mit Energie zu
versorgen und dabei die drohende Klimaveränderung und Überbeanspruchung
der Öko-Systeme abzuwenden, gehöre neben der Nahrungs- und Trinkwasserversorgung
zu den zentralen Herausforderungen, vor denen die Menschheit im 21. Jahrhundert
stehe. Denn bis Mitte dieses Jahrhundert werde die Weltbevölkerung
rund zehn Milliarden Menschen zählen. 95 Prozent des weiteren Wachstums
der Weltbevölkerung werde es in Asien, Lateinamerika und Afrika geben.
Daraus resultiere ein dramatischer Anstieg des Energiebedarfs. Dieser werde sich in
den nächsten 50 Jahren mindestens verdoppeln. Denn noch heute seien
zwei Milliarden Menschen ohne Stromanschluss und 60 Prozent der Weltbevölkerung
lebe in absoluter Armut. Diese Menschen hätten enormen Nachholbedarf.
Unsichere Region
Aber
immerhin schon etwa um 2015 sei die Hälfte der bekannten konventionellen
Ölreserven ausgebeutet. Problematisch sei dabei, dass sich die Welt
von der Energieellipse zwischen Kasachstan und dem Persischen Golf, in
der sich 70 Prozent der Ölreserven befänden, abhängig mache,
von einer Region also, die politisch nicht sicher sei. Darüber hinaus
werde nicht die Erde, sondern der Himmel die Begrenzung für die Förderung
fossiler Energieträger sein, denn schon heute habe sich der Atlantik
vor der europäischen Küste um 0,5 Grad Celsius aufgeheizt. Deutlich
werde das in Mitteleuropa daran, dass die Winterperiode nicht wie früher
schon im Dezember, sondern drei bis vier Wochen später beginnt. "Wir
stehen am Vorabend eines gigantischen Klimawandels, dessen Wucht wir noch
dämpfen können", sagte Professor Dr. Fritz Varenholt.
Um
dieses Dilemma zu entgehen, sei die Entwicklung von Technologien aus Nischen
heraus ein erster Weg. Für die 2,5 Milliarden Menschen in ländlichen
Gegenden der sich entwickelnden Welt böten sich solare Inselsysteme
an, da sie kostengünstiger als der Anschluss an Überlandleitungen
seien. Die Shell AG habe damit begonnen, so genannte Solar Home Systems
in Südafrika und in China anzubieten. Diese Systeme böten den
Menschen eine Mindestenergieversorgung und damit eine merkliche Verbesserung
ihres Lebenstandards. Aber auch die anderen erneuerbaren Energien, sei
es Windenergie, Wasserkraft, Biomasse, Solarthermie oder auch die Nutzung
von Erdwärme würden stark an Bedeutung zunehmen und das heutige
Energiesystem drastisch verändern.
Die
Ökoszene sollte deshalb endlich ihre Scheuklappen ablegen und auf
die großen Unternehmen und Pionierunternehmen zugehen, die neues
Terrain erschließen. Technologie müsse das ökologische
Markenzeichen werden, nicht aber die Verhinderung derselben. Statt eine
Steuer zur Finanzierung der Sozialversicherung einzuführen, die dazu
geführt habe, dass Öko zum bestgehassten Schimpfwort bei 40 Millionen
Autofahrern geworden ist, würde die Mehrzwahl der Verbraucher eher
eine Öko-Steuer für die Finanzierung von Energiespartechnologien,
neuen Motorkonzepten und Wasserstofftechnologien akzeptieren.
Brennstoffzelle
Wer
auf erneuerbare Energie für Strom, Wärme und Kraftstoffe setze,
müsse das Problem der Speicherung lösen. Durch die Technologie
der Brennstoffzelle lasse sich regenerativ erzeugter Wasserstoff wieder
in Strom verwandeln. Schon in wenigen Jahren könnten Elektromotoren
durch Brennstoffzellen in Fahrzeugen absolut emissionsfrei angetrieben
werden. Auch in den Haushalten werde diese Technologie Strom und Wärme
produzieren.
Aufgabe
der Wirtschaft sei es, mit neuen Produkten, sei es auf dem Gebiet der Brennstoffzelle
für mobile und stationäre Zwecke, sei es mit Brennwertkesseln,
mit Wärmepumpen, Windkraftwerken und anderen Maßnahmen die regenerativen
Energien in effiziente Technologien zu lenken, "denn ein Drei-Liter-Auto
verbraucht viel zu viel, wenn irgendwann einmal ganz China hinter dem Lenkrad
sitzt". ums
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