| Rodenkirchen.
Vor dem Eingang der Markthalle gingen die Bauern durch ein Desinfektionsbad.
Die Angst vor der Maul- und Klauenseuche geht um. Und BSE ist noch längst
nicht überwunden. In seinem Referat benannte der Generalsekretär
des Deutschen Bauernverbandes, Dr. Helmut Born, das Dilemma deutlich, rief
aber auch dazu auf, sich nichts ins Schneckenhaus zurückzuziehen.
Die
Landwirtschaft sei nach wie vor ein Wirtschaftssektor mit Zuwächsen
und Zukunft. Allerdings müssten die Rahmenbedingungen richtig gesetzt
werden. Die Bauern dürften jetzt nicht den Rückwärtsgang
einlegen, "sondern müssen offensiv das verteidigen, für was wir
stehen". Dann könnten sie auch mit dem einen oder anderen optimistischen
Blick aus dieser schwierigen Krise herausgucken, sagte der Generalsekretär
gestern während der Jahreshauptversammlung des Kreislandvolkverbandes
Wesermarsch in der Rodenkircher Markthalle.
Zu gutgläubig
Bis
zum 24. November des vergangenen Jahres sei in der Landwirtschaft vieles
in Ordnung gewesen. Doch dann habe es den ersten BSE-Fall in Schleswig-Holstein
gegeben. Denn auch in Deutschland sei man zu gutgläubig gewesen. "Wir
haben uns darauf verlassen, dass unsere Sicherheitssysteme in der Tiermehlherstellung,
im Im- und Export von Tiermehlen und Futtermitteln funktionieren, doch
sie haben es nicht getan", stellte Dr. Helmut Born fest. Offenkundig habe
es belastete Futtermittellieferungen, unvollständige Erhitzungen bei
der Tiermehlherstellung und nachlässige Kontrollen durch staatliche
Behörden gegeben. "Der einzelne Landwirt hat kein BSE bestellt, wenn
er Futtermittel gekauft hat, deshalb werden wir Regressansprüche geltend
machen", so der Referent.
Aufräumarbeiten
Zudem
müssten die Aufräumarbeiten nach dem mit heißer Nadel gestrickten
BSE-Bekämpfungsgesetz unverzüglich abgeschlossen werden. Das
Gepokere zwischen Bund und Ländern, was Kompetenzen und Finanzierung
angehe, müsse beseitigt werden. Die Bundesregierung sei aufgefordert,
ihrer Verpflichtung gerecht zu werden und Maßnahmen einzuleiten,
um die Märkte zu stabilisieren und den in Not geratenen Landwirten
unter die Arme zu greifen. Die tiefe Krise, zu der jetzt noch die Angst
vor Maul- und Klauenseuche hinzu gekommen sei, verschlimmere sich dadurch,
dass die Politik die Probleme nur hin- und herschiebe. In Deutschland seien
die drängenden Finanzierungsfragen zur Beseitigung der verbotenen
Tiermehle und der alten Futtermittel sowie der BSE-Tests nach wie vor ungelöst.
Andere europäische Staaten hingegen hätten bereits Programme
für die Landwirte aufgelegt.
Zusammen
mit der Politik, mit den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen und
mit den Verbrauchern müsse ein Neuanfang gewagt werden. Harte Maßnahmen
seien notwendig, um die Infektionskette bei BSE zu durchbrechen und damit
die wichtigste Grundlage für die Rückgewinnung des Verbrauchervertrauens
zu legen.
Die
Landwirtschaft müsse eine für den Verbraucher gläserne Produktion
aufbauen. Sie verlange eine strikte Überwachung der Futtermittelhersteller
und eine Positivliste der zugelassenen Rohmaterialien. Auch in den Schlachthöfen
und den Verarbeitungsbetrieben habe sich einiges zu tun, und zwar schnell
und konsequent. Es sei schlimm, wenn auch jetzt immer noch deutsche Ware
mit Risiko-Materialien auftauche, so der Generalsekretär.
Dauerniedrigpreise
Eine
Agrarwende müsse aber auch erst einmal eine Wende im Lebensmitteleinzelhandel
sein. In den Köpfen der Verbraucher müsse hineinkommen, dass
Dauerniedrigpreise bei Lidl oder Aldi eine Qualitätssicherung unmöglich
machten. Der Bundeskanzler habe ja recht, wenn er sage, man müsse
von der Ladentheke her denken, nur: "Genau von dieser Ladentheke kommt
jede Woche das Signal: Billiger, billiger und nochmals billiger". Der Lebensmitteleinzelhandel
habe alles im Griff, sowohl den Wettbewerb als auch die Qualität.
"Wenn Nahrungsmittel wieder ihren Wert haben, dann stimmen die Spannen
für den Handel, für die Ernährungswirtschaft und für
uns", so Dr. Helmut Born. ums |