| Rodenkirchen.
Für Wolfgang Neumann ist das geplante Zwischenlager am Kernkraftwerk
Unterweser überdimensioniert und mit einem ungenügenden Sicherheitsniveau
ausgestattet. Außerdem kritisiert er die Erhöhung des radioaktiven
Gefährdungspotenzials am Standort.
Der
Diplom-Physiker der Gruppe Ökologie in Hannover, der unter anderem
auch in der Reaktorsicherheitskommission mitarbeitet, die das Bundesministerium
für Umwelt, Naturschutz- und Reaktorsicherheit (BMU) in den Angelegenheiten
der Sicherheit von kerntechnischen Anlagen und der Entsorgung radioaktiver
Abfälle berät, war jetzt zu Gast beim Ortslandvolkverein Rodenkirchen/Golzwarden/Esenshamm
und der Aktion Z. Vor rund 150 Zuhörern, darunter auch Vertreter der
Gesellschaft für Nuklearservice (GNS), die den in der Halle zum Einsatz
kommenden Castor V/19 baut, und der e.on-Kernkraft GmbH, erläuterte
er seine Bedenken.
Mathematische
Methoden
Allgemein
sei der Eindruck entstanden, dass der Behälter geprüft sei und
bestimmte Belastungen aushalte, damit also sicher sei. Doch das stimme
nicht. Nicht jeder Behälter und auch nicht jeder Behältertyp
werde geprüft. Ein Sicherheitsnachweis werde hauptsächlich durch
mathematische Methoden errechnet. Hinzu kämen Ermittlungen aus tatsächlichen
Falltests, die es Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre allerdings
mit ganz anderen Behältern gegeben habe sowie Erfahrungen, die Japan
mit Gussbehältern gemacht habe. "Ich habe Zweifel, ob das ausreicht,
solche Erkenntnisse sind nicht zu übertragen, sie liefern lediglich
Indizien", sagte Wolfgang Neumann und wies darauf hin, dass auch der Castor
V/19 nie getestet worden sei.
In
der späteren Diskussion erklärte Bernd Lorenz von der Gesellschaft
für Nuklearservice, allein sein Unternehmen habe rund 50 Tests an
fast gleichen Behältern vorgenommen. Die konkreten Fragen aus dem
Publikum, ob auch der V/19 getestet worden sei, beantwortete er mit dem
Hinweis, dass die Erfahrungswerte auf diesen Typ umgerechnet worden seien.
Das löste heftige Proteste aus: "Wenn Mitsubishi Autocrashs vornimmt,
kann doch VW die Erkenntnisse nicht einfach übernehmen", sagte der
Landvolkvorsitzende Hinrich Brader.
Wolfgang
Neumann erwähnte auch, dass der Castor nicht sicher sei gegen Flugzeugabstürze
und bei einem möglichen terroristischen Akt mit einer normalen Panzerfaust
zerschlagen werden könnte.
Restfeuchtigkeit
Erhebliche
Probleme gebe es auch mit der Dichtheit der Behälter. Während
am Atomstandort Neckarwestheim Behälter erfolgreich beladen worden
seien, seien die verlangten Dichtheitswerte in Philippsburg überhaupt
noch nie erreicht worden. Nach wie vor ungelöst sei auch das Problem
der Restfeuchtigkeit in den Behältern, die zu Korrosionen und damit
zur Freisetzung von Radioaktivität führen könnte. "Mit den
Behältern hat man erst sechs Jahre Erfahrungen gemacht, deswegen zweifle
ich an, ob diese 40 Jahre halten können", so Wolfgang Neumann.
Diskrepanz
Der
Referent sah auch eine "erhebliche Diskrepanz zwischen dem, was eingelagert
werden muss und eingelagert werden kann". Das Lager sei überdimensioniert.
Durch die radioaktiven Zerfallsprozesse werde ständig Strahlung abgegeben.
In der Kerntechnik werde verlangt, wichtige Komponenten sicherheitshalber
mehrfach auszulegen, in der Lagerhalle dagegen werde beim Schutz gegen
Austritt von Radioaktivität eine Ausnahme gemacht, so Wolfgang Neumann,
der auch anmerkte, dass eine voll beladene Halle im Vergleich zur Reaktorkuppel
ein dreifach höheres Aktivitätsinventar haben werde. "Wenn der
Reaktor in einigen Jahren abgeschaltet werden wird, entsteht beispielsweise
ein erhebliches Risiko für die Arbeiter, die den Abriss vornehmen",
sagte Wolfgang Neumann und bezog das auch auf die, die das Industriegelände
später einmal nutzen möchten.
Ein
Vertreter der e.on-Kernkraftwerk GmbH betonte zwar, im Genehmigungsverfahren
müsse nachgewiesen werden, dass die Strahlenbelastung unterhalb der
Grenzwerte liege, doch Wolfgang Neumann entgegnete, ein Grenzwert sage
nichts darüber aus, dass Strahlung ungefährlich sei. "Das Einhalten
von Grenzwerten schließt natürlich nicht aus, dass es zu gesundheitlichen
Schäden kommt."
Zu
einem möglichen Endlager sagte Wolfgang Neumann, es werde wohl keines
"im wahrsten Sinne des Wortes" zu finden sein. Über wissenschaftlich
fundierte Methoden müsse ein Standort gefunden werden. Ansätze
seien bei der Bundesregierung vorhanden, aber größere Anstrengungen
seien notwendig. Solange an Gorleben und am Schacht Konrad festgehalten
werde, verzögere sich die Suche nach einem Lager. ums |